Welcher Hengst für meine Stute?

Feb 7, 2020 - 14:12


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Hengsthalter, Züchter und Reiter Gerd Sosath im Interview

Überall im Land finden momentan Hengstschauen statt und viele Pferdezüchter sind bei der Fülle des Angebotes ratlos. Friederike Schmitz hat Gerd Sosath gefragt, wie er die Hengste für seine Stuten auswählt und was er seinen Züchtern empfiehlt.

F.S.: Gerd Sosath, hinter Ihnen liegt eine sehr erfolgreiche Saison 2019. Was war Ihr persönliches Highlight?
G.S.:
Da gab es im letzten Jahr zwei ganz besondere: Unser Sohn Hendrik durfte das erste Mal bei den Deutschen Meisterschaften in Balve starten und gewann mit dem Hengst Casino Berlin die Bronzemedaille. Und dann bekam er die Startgenehmigung fürs CHIO Aachen und wir waren dort mit vier Pferden aus eigener Zucht erfolgreich: Cadora, Casino Berlin, Casino Grande und Lady Lordana.

F.S.: Wie züchtet man so viele erfolgreiche Pferde?
G.S.:
Ich kenne unsere Stuten und den Stamm schon über Jahre, das macht es natürlich einfacher. Ich setze meistens unsere eigenen Hengste ein, weil ich sie am besten kenne. Wir trainieren täglich mit ihnen und wissen ganz genau, wie sie zu reiten sind und wie der Charakter ist. Das macht es mir auch möglich, unsere Züchter gut zu beraten. Damit immer wieder neues Blut in unsere Zucht kommt und wir ein vielfältiges Angebot haben, kaufe ich Fohlen und junge Hengste dazu. Die Pferde, die in Aachen am Start waren gehen alle auf den Begründer unserer Hengststation und mein Herzenspferd, Landor S, zurück.

F.S.: Wie wählen Sie den richtigen Hengst für Ihre Stuten aus?
G.S.:
Ich höre viel auf mein Bauchgefühl. Ich kann noch so viele Ergebnislisten und Statistiken studieren. Ich muss die Stute kritisch anschauen, den Hengst insgesamt sehr mögen und denken „Das passt! Der Hengst kann die Schwächen der Stute ausgleichen. Und grundsätzlich achte ich auf die Reitqualität des Hengstes“.

F.S.: Welche Fragen sollte sich der Züchter stellen, der ein Fohlen aus seiner Stute ziehen möchte?
G.S.:
Wie vererbt sich der Mutterstamm? Kann man nichts darüber herausfinden, sollte ich hauptsächlich meine eigene Stute kritisch begutachten. Wo sind ihre Stärken und wo die Schwächen? Was möchte ich an der Stute verbessern? Züchte ich ein Reitpferd für mich selbst? Ist es mein Ziel, ein Championatspferd zu ziehen? Oder muss ich das Fohlen gleich verkaufen?

F.S.: Und was ist der nächste Schritt, wenn alle Fragen beantwortet sind?
G.S.:
Bei uns anrufen und Samen bestellen. Scherz beiseite. Aber es empfiehlt sich wirklich, den Hengsthalter anzurufen, um die Anpaarungsüberlegung abzusichern. Er kennt seine Hengste und weiß, wie sie sich vererben. Vielleicht ergeben sich aus dem Gespräch noch bessere Ideen.

F.S.: Was halten Sie davon, Junghengste einzusetzen?
G.S.:
Junge Hengste müssen eine Chance haben. Allerdings finde ich den gewaltigen Run auf die teuersten Junghengste sehr bedenklich. Man sollte schauen, welcher Hengst zur Stute passt und auch auf bewährte Hengste setzen. Bei mehreren Stuten empfehle ich eine gute Mischung.

F.S.: Sehen Sie die Entwicklung der Pferdezucht auch kritisch?
G.S.:
Ja! Leider geht immer mehr Wissen der alten Züchter verloren. Die ländliche Pferdezucht mit zwei, drei Stuten wird immer weniger. Es gibt nun immer mehr sehr große Züchter, die wirtschaftliche Ziele haben, und viele Pferdehalter, die aus ihrem ehemaligen Sportpartner ein Fohlen ziehen möchten.

F.S.: Was empfehlen Sie Züchtern?
G.S.:
Seien Sie kritisch gegenüber Ihren Stuten und schauen Sie sich die Hengste an, die sie interessant finden und die Stationen, mit denen Sie gern zusammenarbeiten möchten. Zu viel Recherche in sämtlichen Netzwerken macht die Sache meist zu kompliziert. Und züchten soll Spaß machen. Es geht immer Auf und Ab, nicht immer ist das Fohlen so, wie man es sich gewünscht hat. Sehen sie das Ganze und bewahren sie sich die Freude am Pferd.

F.S.: Wo können die interessierten Züchter Ihre Hengste sehen?
G.S.:
Als nächstes steht unsere große Hengstschau in Vechta an. Am Samstag, dem 8. Februar 2020 präsentieren wir ab 19:00 Uhr alle Hengste live. Wir laden im Anschluss immer alle Züchter ein, die Hengste persönlich im Stall anzuschauen. Wer nicht nach Vechta kommen kann, hat die Möglichkeit, die Veranstaltung live bei ClipMyHorse zu verfolgen.

F.S.: Live? Haben Sie keine Angst, dass sich ein Hengst nicht von seiner besten Seite zeigt?
G.S.:
Das Risiko besteht natürlich. Jeder hat mal einen schlechten Tag. Aber das sollten die Züchter auch wissen. Und wir zeigen unsere Pferde auch auf Turnieren und bieten die Möglichkeit, sie zu Hause im Stall oder Training anzuschauen.
Bei der Hengstwahl gilt für mich das gleiche wie beim Pferdeverkauf: „Du bekommst, was du gesehen hast.“ Der Reiter möchte keine bösen Überraschungen erleben, wenn er sein gekauftes Pferd im eigenen Stall stehen hat. Und auch der Züchter soll reell beurteilen können, wie der Hengst ist, den er für seine Stute aussucht. Da empfiehlt es sich, wenn möglich, auch die Hengstmutter und einige Nachkommen anzuschauen.

F.S.: Wie blicken Sie in die Saison 2020?
G.S.:
Positiv. Ich freue mich auf die Fohlen. Wir erwarten einige Embryotransferfohlen von unseren besten Sportstuten und viele weitere von all unseren Hengsten. Besonders gespannt sind wir auf die ersten Jahrgänge der Junghengste, in diesem Jahr sind das Casino Rubin, Soundcheck, Vigotendro und Vivaldos. Und dann stehen viele schöne Turniere mit unseren selbstgezogenen Pferden und tolle Events auf unserem Hof an.



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